Haus der Volkskunst - Büttel

Die Sebastian-Sailer-Medaille

Sebastian Sailer (1714-1777) war der erste Dichter, der die Mundart seiner Heimat nicht nur als Beiwerk zu wirkungsvollen Pointen, sondern bewusst als Literatursprache einsetzte. Johann Valentin Sailer, Sohn eines Fuggerschen Amtsschreibers, stammte aus Weißenhorn, besuchte in Roggenburg die Lateinschule, trat im Alter von 16 Jahren in das Stift des Prämonstratenserordens in Obermarchtal ein und erhielt den Klosternamen Sebastian.

Mit 24 Jahren wurde er zum Priester geweiht, war zunächst Lehrer des kanonischen Rechts an der Ordenshochschule in Obermarchtal und ab 1740 Pfarrer in Reutlingendorf und Dieterskirch (1757-1773). Ein Schlaganfall zwang ihn zur Rückkehr ins Kloster, wo er wenige Jahre später starb. Sebastian Sailer verfügte über ausgezeichnete Sprachkenntnisse, las griechische, französische, italienische und spanische Werke im Original und stand im Briefwechsel mit der internationalen Gelehrtenwelt.

Er verfasste Gebetbücher und eine Klosterchronik zum 600-jährigen Klosterjubiläum ("Das Jubilierende Marchtall", 1771). Sailer war nicht nur als Gelehrter, sondern auch als Prediger berühmt. Er sprach von der Kanzel herab, wie ihm und seinen Zuhörern der Schnabel gewachsen war und schaffte es, dass die Bauern ihn beachteten. Dies war nicht leicht bei den eigenwilligen Dickschädeln, die mit ihrer Bauernschläue den Pfarrer zu übertrumpfen versuchten.

Pater Sixt Bachmann überlieferte die Anekdote: "Ein Bauer, der sich besonders klug zu seyn dünkte, sagte einst zu Pater Sailer: "Ei, Herr Pfarrer! Ich habe schon sehr oft gehört dass Gott für jeden Menschen des Tages eine Maaß Wein erschaffen habe. Ich bekomme aber diesen Wein nicht und weiß auch nicht, wer ihn trinkt." Sailer sprach: "Auch ich habe gehört, dass Gott für jeden Mann ein Weib geschaffen habe, und dennoch habe ich keines. Ich will euch die Sache erklären. Ihr habt mein Weib, und ich trinken eueren Wein."

Kein Wunder, dass der Bauernpfarrer schließlich als beliebter Prediger durch Süddeutschland, Schweiz und Mähren zog; eine Einladung an den Hof in Wien 1766 wusste er als hohe Ehre zu schätzen. Seine Komödien, "die Spiele seiner guten Laune", geben seinen Witz, seine Treffsicherheit und seine Ausdruckskraft am besten wieder. Sie kreisen um biblische Figuren und Geschichten: der Erstling "Die Erschaffung des Adam, dessen Aufnahme im Paradies, Schuld und Strafe" (1743), bekannt als "Schwäbische Schöpfungsgeschichte", "Die schwäbischen heiligen drei Könige" und "Der Fall Luzifers", der auch andere Mundartsprecher wie Goethe "höchlich" ergötzte.

Sailer führte diese Singspiele an Sonntagnachmittagen im Wirtshaus selbst auf, trug vor, sang Arien, spielte dazu die Fiedel, sich selbst und seinen Bauern zum Vergnügen. Er verfasste diese burlesken Komödien ohne literarischen Ehrgeiz, und sie wurden zu seinen Lebzeiten auch nicht gedruckt. Erstaunlich ist die naturgetreue Mundart, die nicht an die neuhochdeutsche Schriftsprache angeglichen wurde. Verblüffend auch die genaue Menschenkenntnis und die Übertragung der geistlichen Inhalte auf das Denken der schwäbischen Bauern.

"Im Anfang war das Wort", übersetzte Martin Luther. Bei Sailer heißt dies: "Nuits ischt Nuits und wead Nuits weara, drum hau-n-i wölla a Wealt gebäara". Die Arie Gottvaters, die Eduard Mörike gern zitierte, beginnt mit dem, was er nun alles geschafft hat, und zwar "Auhne Hammer, auhne Schlegel". Adam (Gottvaters "liabs Odamle") stellt die Menschheitsfrage: "Wohear tu-r-i kumma?" Gottvater bückt sich, deutet auf einen Pilz und antwortet schlicht: "Siehscht, dô uß deam Pfifferling/ hau-n-i di, eh du g'schnappat/ z'semma kloibat, z'semma bappat". Und schimmert beim Klagelied Evas nach der Vertreibung aus dem Paradies nicht die Mühsal einer geplagten Bäuerin durch: "Ui jeggerle, was fällt ui ei...".

Preisträger der Sebastian-Sailer-Medaille

Der Kulturrat des Schwäbischen Albvereins ehrt mit der Sebastian-Sailer-Medaille Mundartautoren, die mit ihrem Wortwitz, ihrer Ausdruckskraft und ihrer Darstellungsgabe die schwäbische Mundart lebendig und geistig anspruchsvoll nutzen.

Helmut Pfisterer (geb. 1931)

Laudatio:

"Geboren wurde er 1931 in Leonberg. Über die Muadrschproch, die ihm seit jeher wichtig war, sagte er unter anderem vor vielen Jahren:

"Wenn da von Leonberg nach Eltinga kommsch / hosch , wenn da hoimgohsch / Tascha voll/ mit laudr neie Wörter / grauziche drbei ".

Gymnasiast, Feinmechaniker, Ingenieur, er wird schließlich Schulmeister und unterrichtet als Berufsschullehrer vier Jahre im Iran und in Afghanistan. Von dieser Zeit erzählen die Geschichten in seinem ersten Buch "Die Liebe des Muezzin".

1975 erscheint bei Holland und Josenhans "Bildreihen für die Grundstufe Metall, Arbeitsbuch und Lehrerausgabe". Das Buch erscheint 1982 bereits in 4. Auflage. In der Fremde entdeckt er die Lust am heimatlichen Dialekt. Vermutlich auch aus Heimweh entstehen erste Texte in schwäbischer Mundart. Dann folgen, wieder in der Heimat, wo er bis zu seiner Pensionierung als begeisterter Berufsschullehrer tätig ist, in rascher Folge zahlreiche Bücher, Hörspiele und Stücke:

"Weltsprache Schwäbisch", "Komm, gang mr weg!", "Schwäbisch – Varianten einer Weltsprache", "Brauchvers".

Diese Bücher kommen beim Publikum glänzend an. Durch sein Rezitationstalent und seinen fulminanten Vortrag wird er rasch ein vielgefragter und begehrter Künstler, den man ständig bei allen möglichen Gelegenheiten erleben kann, auf Kleinkunstbühnen bei Vernissagen, und, und...

Von herausragender Bedeutung ist sein großes persönliches Engagement für die Belange der Schriftsteller in Baden-Württemberg. So war er von 1985 – 1991 Vorstandsmitglied im Stuttgarter Schriftstellerhaus e.V., wobei er neben der Betreuung von Stipendiaten und Gästen immer auch als Ansprechpartner für Kolleginnen und Kollegen fungierte. Von 1988 bis 1991 war er Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller in Baden- Württemberg, dem er heute noch angehört. Neben den vielfältigen Aufgaben, die dieses Amt mit sich bringt, ist es seiner Idee und seiner Initiative zu verdanken, dass die S-Bahnen des Verkehrsverbundes Stuttgart mit Gedichten von Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Baden-Württemberg geschmückt waren.

1991 erhielt er den Schubart-Preis der Stadt Aalen. 1995 wurde ihm in Würdigung seiner Verdienste um das Gemeinwohl das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Trotz aller Erfolge bleibt er ein bescheidener, liebenswerter Mensch, der für seine Mitmenschen stets ein freundliches Wort hat und viele junge Künstler aufmunternd unterstützt hat. Besonders beeindruckt seine Lauterkeit, seine Geradlinigkeit. Liebedienerei ist ihm fremd, Charakterstärke selbstverständlich. Als Genussmensch dem prallen Leben nie abgeneigt, man lese nur seine Liebesgedichte, hat er bei allem Fleiß stets verstanden, dem Dasein auch die schönen Seiten abzuringen.

Die Stuttgarter Zeitung hat ihn vor vielen Jahren als legitimen Nachfolger von Thaddäus Troll bezeichnet. Aus diesem Schatten ist der Literat unter den Mundartdichtern lange herausgetreten. Keiner hat wie er die schwäbische Dialektik auf den Punkt gebracht:

"Ha sag amol, schwätz doch net raus! Komm, gang mr weg! Voll leer essa sollsch! Schrei Du ruhig! Mach Du ruhig Dein Saukrach! S’isch jetzt sowieso afanga Zeit, dass da Schluß machsch, siehsch wie’s schtenkt! Des Allbachene isch obacha bacha, do hendr’s aber oheimlich heimelich, do hend’rs aber elend guat! Des isch au ganz schee wiascht! Do ben e scho mal zwoimol reigfloga! Do isch überhautpt uff dr ganza Linie alles onder em Schtrich! Du i be heit ganz halblebig!"

Keiner hat so böse schmunzelnd doppelbödig, blitzgescheite Texte und Gedichte verfasst, bei denen man beim Hören und Lesen immer wieder etwas entdeckt, einen neuen Blickwinkel, eine andere Schichtung.

Als der Schwäbische Albverein 1998 das 150jährige Jubiläum von 1848 mit der Nachwanderung des Zwetschgenfeldzuges beging, hat er auf dem Marktplatz in Balingen eine begeisternde, Gottlieb Rau nachempfundene Rede gehalten. In den letzten beiden Jahren hat er die inzwischen auf die stattliche Zahl von 10 Mundartbühnen angewachsenen Bemühungen des Schwäbischen Albvereins unterstützt, schwäbischen Nachwuchskünstlern ein Sprungbrett zu bieten. Oft hat er, wenn es finanziell eng war, auf seine Gage ganz oder teilweise verzichtet und so geholfen neue Mundartbühnen nachhaltig zu etablieren. Auch hier wieder selbstloser Idealist.

Der Schwäbische Albverein verleiht auf der Burg Teck am 6.7.2002 durch seinen Vorsitzenden des Kulturrates Manfred Stingel erstmals die Sebastian-Sailer-Medaille für sein Lebenswerk dem Schriftsteller- und Mundartautor Helmut Pfisterer."

Für den Kulturrat des Schwäbischen Albvereins, Bereich Mundart

Helmut Eberhard pfitzer

Manfred Rommel (geb. 1928)

Natürlich denkt man bei Manfred Rommel zuerst an den allseits respektierten ehemaligen Bürgermeister von Stuttgart. Doch nicht nur politisch, auch sprachkünstlerisch hat er viel geleistet. Schon im Berufsleben hielt er nie mit seinem Dialekt hinter dem Berg und würzte auch auf Bundesebene manches Bonmot mit schwäbischem Zungenschlag. Im Ruhestand startete er dann eine erfolgreiche zweite Karriere als Mundartautor, der mit seinen Gedichten ebenso zu punkten weiß wie mit Asterix-übersetzungen.

Fritz Schray (geb. 1928)

Fritz Schray wurde als Mundartdichter durch das Radio berühmt: Fünf Jahre lang präsentierte er im "Morgenradio" des damaligen SWF regelmäßig seine Verse. Entsprechend beliebt sind seine Gedichtbände wie "Uf em Bänkle" oder "Gsälzbrot und Bärlauch". Seine Heimatliebe zeigt sich nicht nur in seiner aktiven Pflege des Dialekts, sondern auch in seiner langjährigen Tätigkeit als Kulturwart des Schwäbischen Albvereins.

Egon Rieble (geb. 1925)

Egon Rieble schafft, was nicht vielen Mundart-Autoren gelingt: den Spagat zwischen Dialekt und Hochkultur. Der ehemalige Kulturreferent der Stadt Rottweil ist trotz fortgeschrittenen Alters auf den Mundartbühnen höchst präsent und gilt als feinsinniger Dichter. Besonderes Aufsehen erregte er mit seinem Band "Guck au, dr Gabriel", einem schwäbischen Kunstführer zu Kulturzeugnissen des oberen Neckars.

Sigrid Früh (geb. 1935)

Sigrid Früh wurde 1935 als Nachfahrin von Justinus Kerner in Hohenacker im Rems-Murr-Kreis geboren. Sie studierte Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre Landesgeschichte, Germanistik und Volkskunde in Tübingen und Zürich. Sehr früh begann sie Märchen und Sagen zu erforschen und schon bald entdeckte sie ihre Gabe das Publikum zu fesseln. Sie entwickelte dabei einen unverwechselbaren Vortragsstil, der ihr es ermöglicht, jung und alt von Anfang an in ihren Bann zu ziehen. "Die zur Zeit wohl bekannteste Märchenerzählerin Deutschlands" so die Neue Züricher Zeitung reist nach wie vor durch ganz Deutschland und die Schweiz und erfreut ihre zahlreichen Anhänger mit ihrer erstaunlichen Erzählkunst. Wir werden heute Abend eine Kostprobe Ihres Könnens erleben dürfen.

Von 1997 – 2010 war sie außerdem noch als Vorsitzende des Mundart e.V. tätig, in dem sich Künstler und Förderer der schwäbischen Mundart zusammengeschlossen haben. Einem Verein so lange vorzustehen, in dem zahlreiche, sehr selbst- bewusste Lehrer mitreden, in dem Eitelkeiten grünen und Empfindlichkeiten blühen, das ist wahrlich keine Kleinigkeit. Sie hat auch das mit Bravour gemeistert. Darüber hinaus hat sie zahlreiche neue Mundartkünstler gefördert und ermutigt. Sie hat ihnen auch immer wieder Auftrittsmöglichkeiten ermöglicht. Sie wurde für Ihre Verdienste zur Ehrenvorsitzenden ernannt.

Sigrid Früh organisierte und leitete zahlreiche Tagungen und Kongresse, so unter anderem 1982 die Tagung der Europäischen Märchengesellschaft ("Die Frau im Märchen"), 1984 die Wein- städter Märchentage, seit dieser Zeit ist sie auch Mitglied im Stiftungsrat in verschiedenen Stiftungen und zahlreicher Preisgerichte. 1993 begründete sie die Kronacher Märchenwoche mit, 1994 mit Wolfgang Schulze die Tagung "Essen und Trinken im Märchen", die im Elsass stattfand. 1995 die Fellbacher Märchentage.

Mit Ihrem Charme, ihrer unvergleichlichen engagierten und couragierten Art nimmt sie alle, ob Publikum, Künstlerkollegen oder Veranstalter gefangen. Ihr Temperament, ihre sprühende Vitalität strafen ihr Alter Lügen.

Sie hat weit über 30 Bücher über Sagen und Märchen veröffentlicht, einige sind regelrechte Bestseller. Dabei kam gerade auch die Forschung in Baden Württemberg nicht zu kurz. Sie kann stundenlang in schwäbischer Mundart unterhalten.

Sigrid Früh hat zahlreiche Ehrungen erhalten, so u. a. 1994 die Friedrich-E.Vogt-Medaille, 2003 den Wildweibchenpreis der Gemeinde Reichelsheim, 2004 den Gertrud Hempel-Volkserzähler-Preis in Rheine, 2011 wurde ihr die Ehrenplakette der Stadt Fellbach verliehen, wo sie heute mit Mann und Katze lebt.

Nun, erhält sie eine weitere bedeutende Ehrung. Der Schwäbische Albverein verleiht heute erst zum 4. Mal seit der Begründung der Medaille Sigrid Frühdie Sebastian Sailer- Medaille für ihr Lebenswerk. Ihre Vorgänger waren Helmut Pfisterer, Manfred Rommel, Fritz Schray und Egon Rieble.

Wir gratulieren, auch im Namen unseres Präsidenten, Dr. Hans- Ulrich Rauchfuß, sehr herzlich. Nun darf ich unseren Kulturratsvorsitzenden, Manfred Stingel, bitten, die Ehrung vorzunehmen.

Helmut Eberhard Pfitzer

Rudolf Paul

Das Lebenswerk von Rudolf Paul ist nichts weniger als die erste schwäbische Übersetzung der gesamten Bibel. Ein Vierteljahrhundert arbeitete der Pfarrer i.R. an diesem Mammutprojekt - „in jeder freien Minute“, betont er.

Dafür hat er sein eigenes Schreibsystem entwickelt, das wie die Orthografie des Standarddeutschen keine strenge und anstrengende Lautschrift ist. Der Lesefluss ist das oberste Kriterium. Erprobt hat Rudolf Paul das in unzähligen Mundartgottesdiensten im ganzen Land, in denen er Psalmen und Gebete in verschiedenen Schreibweisen als Textblätter an die Gemeinden verteilte. Die ans Standarddeutsche angelehnte Schreibweise erlaubt dem Dialektsprecher, sein eigenes Lokalkolorit einzubringen und nicht am Kirchheimer Zungenschlag des Übersetzers zu kleben.

Rudolf Pauls Übersetzung liegt der hebräische und griechische Urtext der Heiligen Schrift zugrunde. Alles andere wäre die Übersetzung einer Übersetzung und somit eine doppelte Fehlerquelle. „Es reicht, wenn meine eigenen Fehler drin sind“, schmunzelt Paul.

Die Auszeichnung kam für ihn überraschend im Rahmen eines schwäbischen Weihnachtskonzerts der Volkstanzgruppe Frommern, das er mit seiner Schriftlesung bereicherte. Eben hatte er vor der voll besetzten Balinger Stadtkirche mit der schwäbischen Weihnachtsgeschichte geendigt, da trat der Vorsitzende des Kulturrats im Schwäbischen Albverein, Manfred Stingel, zu ihm. In seiner kurzen Laudatio sagte er: „Ihren Satz: ‚Wir dürfen die Mundart nicht allein der Spaßfraktion überlassen’, unterschreibe ich jederzeit.“

Helmut Eberhard Pfitzer

Helmut Eberhard Pfitzer (16. April 1949 – 20. Januar 2020) erhält posthum die Sebastian-Sailer-Medaille

Im Rahmen des Mundartfestivals des Schwäbischen Albvereins wurde im Silchersaal der Stuttgarter Liederhalle am 22. April 2022 die vom Kulturrat des SAV vergebene Auszeichnung von Präsident Dr. Hans-Ulrich Rauchfuß an die Familie Pfitzer übergeben. Nachfolgend die Laudatio von Dr. Wolfgang Wulz, Vorsitzender des Vereins schwäbische mund.art e.V.

Sebastian Sailer, Sebastian Blau und Thaddäus Troll waren auch für unseren geschätzten Kollegen und Freund Helmut Pfitzer die großen schwäbischen Literaturheiligen. Im Hauptberuf war der 1949 in Stuttgart Geborene und in Bad Cannstatt Aufgewachsene als Haupt-Schatzmeister und Vize[1]Geschäftsführer des Schwäbischen Albvereins tätig und lebte bis zu seinem Tod am 20. Januar 2020 in Markgröningen.

Als Mundartautor und Liedermacher hat sich Helmut Pfitzer bereits Anfang der 80er-Jahre große Meriten verdient. Die Gruppe „Liederleut“, als deren „Mastermind“ er bezeichnet wurde, hat er mitbegründet und in der Folge auch viele Chansons und Lieder für sie verfasst. Seine originellen, nachdenklichen, häufig auch pfiffig-ironischen Liedtexte sind oft poetische Reflexionen, die sich auf Zeitgeschehen und politische Zusammenhänge beziehen, manchmal eher unterschwellig zwischen den Zeilen, gelegentlich – wenn es sich aus der jeweiligen Thematik ergibt – aber auch sehr direkt auf den Punkt weisen. Beachtung fanden die Texte und Lieder in schwäbischer Mundart, die den Songs einen ganz eigenen Reiz verleiht und ihre kulturellen Wurzeln betont, bald auch in Presse und Rundfunk.

So gelang es Helmut Pfitzer Mitte der 80er Jahre, drei seiner schwäbischen Titel in der Bestenliste des damaligen Südwestfunks (SWF) hinter Größen wie Hannes Wader und Ringsgwandl zu platzieren. Nach seiner Zeit mit den „Liederleut“ fand Helmut Pfitzer später in dem Liedermacher Reinhold Hittinger einen kongenialen Partner, mit dem er als „Duo Aurezwicker“ in hunderten von Auftritten auf den Kleinkunstbühnen des Landes ein großes Publikum zu begeisterten wusste. Hier spielte er insbesondere auch seine kabarettistischen Talente aus in seinen vergnüglichen und satirischen Betrachtungen „Über Schwaben und andere Volksstämme im Allgemeinen, im Besonderen und ganz Gemeinen“. Dabei gelang es ihm wie wenig andern, die Abgründe der schwäbischen Seele auszuleuchten, die makabren Seiten der Liebe des Schwaben zu „seim Sach“ aufzuzeigen und im Vergleich mit anderen Volksstämmen den liebevoll zugewandten Blick aufs eigene „Völkle“ zu schärfen. Die wichtigsten Texte sind im Silberburg-Verlag unter dem Titel „Verschtand ond Gfühl“ erschienen. Die erzählerische Kunst seiner schwäbischen Geschichten und die poetische Qualität der Gedichte und Liedertexte haben die Mundartszene in Württemberg, verbunden mit den vielen öffentlichen Präsentationen, in nachhaltiger Weise bereichert.

Neben der Arbeit am eigenen Werk und dessen Veröffentlichung war es für Helmut Pfitzer immer ein sehr großes Anliegen, die schwäbischen, fränkischen und alemannischen Mundartkünstler:innen zu fördern, die Qualität jüngerer Talente zu erkennen und ihnen Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen.

Als ehrenamtlicher Mundartbeauftragter des Schwäbischen Albvereins hat er die Mundartbühnen „Mundart und Musik“, die Barden- und Dichtertreffen auf dem Eschelhof und die Mundartfestivals in der Stuttgarter Liederhalle ins Leben gerufen und bis kurz vor seinem Tod auch verantwortlich organisiert.

Nach seiner Zurruhesetzung im Hauptberuf hat er den Verein schwäbische mund.art e.V. als stellvertretender Vorsitzender mit fachkundigen, wertvollen Ratschlägen unterstützt. Im Freien Radio Stuttgart hat er in Mundart[1]Sendungen produziert, bis ihm das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich war. Sein ehrenamtlicher Einsatz für die Mundart wurde bereits 2006 durch die Verleihung der Heimatmedaille des Landes Baden-Württemberg und 2011 durch die Georg-Fahrbach-Medaille in Silber des Schwäbischen Albvereins gewürdigt.

Das großartige Lebenswerk von Helmut Eberhard Pfitzer als Dichter, Lieder[1]macher, Kabarettist und Förderer der schwäbischen Mundartkunst im Geiste von Sebastian Sailer erfährt nun mit der kurz vor seinem frühen Tod beschlossenen und nunmehr nach coronabedingter zweijähriger Pause vollzogenen - posthumen - Verleihung der Sebastian-Sailer-Medaille eine späte, aber höchst verdiente Würdigung – in einer Reihe mit den Medaillenträger:innen seit 2002 Helmut Pfisterer, Manfred Rommel, Fritz Schray, Egon Rieble, Sigrid Früh und Rudolf Paul.

Pius Jauch

Auf vielfältig Weis kümmert sich Pius Jauch um eisere schwäbische Sproch. Er machet it no Liadle ond Gedicht, er ischt sehr phantasiereich en seim Schaffa. Filme, Fernseha ond Radio macht er, ond au no ganz veil andere Sacha. Wichtig send seine Tätigkeita in Organisationa ond em zemmaschaffa ond zemmahalt vo Mundartleit und Künschtler. Politiker ond Behörda versuacht er zu erreicha, om eisara schwäbischa Kultur ond Sproch Achtong ond Anseha zu verschaffa . Au mit jonge Leit ka er guat omgau. Mir em Albverei schätze da Pius Jauch sehr, ond deshalb verleihet mir ihm heut die Sebastian Sailer Medaille.

Manfred Stingel brachte es bei der Ehrung im Spiegelsaal im Kloster Obermarchtal kurz und bündig auf den Punkt. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von der Musikgruppe Wacholderklang. Die Jugend aus dem Haus der Volkskunst in Balingen tanzte und sang in schönen schwäbischen Trachten schwäbisches Liedgut. Vor der Ehrung hatte der neue Medaillenträger in den von ihm und dem Berliner Fabian Rosenberg produzierten Kurzfilm über Sebastian Sailer (1714-1777) eingeführt und die Bedeutung des Obermarchtaler Prämonstratenserchorherrn als Gelehrtem und Begründer der schwäbischen Mundartdichtung gewürdigt. Manfred Stingels Überraschungscoup machte den sonst so eloquenten Liedpoeten Pius Jauch sprachlos und berührte ihn sichtlich, wie auch das kraftvolle schwäbische Ständchen, das ihm die jugendliche Volkslieder- und Tanzgruppe widmete. „Als jüngster und einziger lebender Träger der Sailermedaille nach Helmut Pfisterer, Manfred Rommel, Fritz Schray, Egon Rieble, Sigrid Früh, Rudolf Paul und Helmut Eberhard Pfitzer wird Pius Jauch mit seinem dichterischen Schaffen und seiner Tatkraft zweifellos noch viel für den Erhalt und die Weiterentwicklung der schwäbischen Mundartkunst tun können“, meinte mit Respekt und Freude Dr. Wolfgang Wulz, der Vorsitzende des Vereins schwäbische mund.art e.V.
Biografie
Pius Jauch wurde am 1. März 1983 in Rottweil geboren und wuchs in Bösingen auf. Nach dem Abitur 2002 und dem anschließenden Zivildienst studierte er ab 2004 Ethnologie und Geschichte in Heidelberg. Das Studium gab er bald zugunsten seiner künstlerischen Laufbahn auf. 2005 arbeitete er in einer Zimmerei. Von 2006 bis 2008 lebte er in den italienischen Abruzzen, lernte Italienisch und verfasste in einem abgelegenen Bergdorf zahlreiche Lieder und Gedichte auf Hochdeutsch, Schwäbisch und Italienisch. Im Jahr 2007 erschien sein erstes Album „Baumhaus“ auf Hochdeutsch. Mit dem gleichnamigen Programm trat Jauch im gesamten Bundesgebiet auf. Nach längerem Aufenthalt in Venedig lebte er drei Jahre als Holzfäller und Selbstversorger auf einem abgelegenen Bergbauernhof in Südtirol.

2009 folgte die zweite CD „Haggåbutzågai“ im Dialekt seines Heimatdorfes Bösingen. 2012 kehrte er an den oberen Neckar zurück und wurde noch im gleichen Jahr mit dem dritten Platz beim Sebastian-Blau-Preis für Liedermacher ausgezeichnet. Danach verfasste er das Mundartstück für Kinder „Pumpernickel – oder wie Napoleon unter die Räuber fiel“. Die mit vier Handpuppen und einem Cembalo realisierte „volkstümliche Minioper“ führte er im süddeutschen Raum gemeinsam mit seiner Schwester Carmen Jauch am Cembalo auf. 2015 erschien sein drittes Album „Wolk am Horizont“ in schwäbisch-alemannischer Mundart. Der Mundartkünstler, Dichter und Liedermacher Pius Jauch ist mit seiner poetischen und musikalischen Qualität ein sehr seltenes, fast solitäres Juwel. In seinem Werk hält er die Erinnerung an den unvergleichlichen Sebastian Sailer auf eindrückliche Weise aufrecht. Pius Jauch lässt sich überhaupt nicht anfechten von gut gemeintem Rat, seine von Form und Inhalt her sehr anspruchsvolle schwäbische Poesie an einen breiteren Publikumsgeschmack anzupassen. Er bleibt hartnäckig und bewundernswert bei dem vom Großvater übernommenen Bösinger Dialekt mit seinen reizvollen, außergewöhnlichen Komponenten aus Schwäbisch und Alemannisch. Neben seiner freien künstlerischen Tätigkeit als Sänger, Komponist, Textautor, Schauspieler und Filmemacher engagiert sich Pius Jauch seit 2013 in hohem Maße ehrenamtlich. Als stellvertretender Vorsitzender des Vereins „schwäbische mund.art e.V.“ hat er die organisatorische Verantwortung für den alle zwei Jahre durchgeführten Sebastian-Blau-Preis für schwäbische Mundart übernommen. Für den Arbeitskreis Mundart in der Schule, einem gemeinsamen, landesweiten Projekt von schwäbische mund.art, der alemannischen Muettersproch-Gsellschaft und des Fördervereins Schwäbischer Dialekt, besucht er seit Jahren nicht nur regelmäßig Schulen, sondern ist auch Organisator und Juryvorsitzender des alle drei Jahre stattfindenden Mundartwettbewerbs in den Schulen. Im Rahmen der Dialektinitiative der Landesregierung, die 2018 von Ministerpräsident Winfried Kretschmann angestoßen wurde, spielte Pius Jauch als Berater des Staatsministeriums und der Landtagsfraktionen sowie besonders als jugendlicher Repräsentant der Mundartszene eine zentrale Rolle. 2021 wurde er mit der Heimatmedaille des Landes Baden-Württemberg geehrt, 2022 erhielt er den mit 3.000 Euro dotierten Rotary-Kunstpreis des Rotaryclub Rottweil, mit dem er digitale Dialektprojekte finanzieren wird, um bei Kindern und Jugendlichen für die Wertschätzung der Dialekte in Baden-Württemberg zu werben.